Rezension: Mycrofts Auftrag

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Im Auftrag seines großen Bruders: Sherlock ermittelt wieder

Rezension zu „Mycrofts Auftrag“ von Beate Baum

Drei Jahre lang war Sherlock Holmes verschwunden. Sein Freund John Watson hielt ihn für tot. Plötzlich ist er wieder da, verhält sich aber sehr seltsam. Als John ihn spätabends besucht, trifft er ihn mit einer Drogenspritze im Arm an. Ist es ein Rückfall oder gibt es einen Zusammenhang mit Sherlocks neuestem Fall, dem titelgebenden Auftrag seines Bruders Mycroft Holmes?

Die Krimiautorin Beate Braun hat nach Krimis um die Lokal-Journalistin Kirsten Bertram, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Andreas Rönn und dem Privatdetektiv Dale Ingram Verbrechen aufklärt, sowie anderen Werken jetzt einen Roman über Sherlock Holmes verfasst und diesen, wie in „Sherlock“ und Elementary“, in die Gegenwart versetzt, was selten ist; meist spielen Holmes-Geschichten wie der Kanon in der viktorianischen Zeit. Der Roman ist flott und spannend geschrieben. Auf den Kanon (und „Sherlock“) bezogen setzt die Handlung kurz nach Holmes‘ Rückkehr von den Toten in „Das leere Haus“ respektive „Der leere Sarg“ ein. „Den hageren Mann mi dem seltsamen Hut, der Pelerine und der Pfeife hatte er vermisst“ heißt es über Johns Gefühle, auch wenn dieser immer noch Wut über das Verschwinden seines Freundes und vor allem über das Nicht-Einweihen in dessen Pläne empfindet (nebenbei erfährt man, dass Holmes offensichtlich in einer ähnlichen Kostümierung bekannt ist wie von Sidney Pagets Zeichnungen, auch wenn er – wie der Cumberbatch’sche Sherlock – nur selten so herumläuft). Baums Ortskenntnis macht sich regelmäßig bemerkbar. Dass sie sich in London offenbar gut auskennt, kommt der Geschichte zugute.

Vieles im Buch erinnert den Leser sofort an die beliebte BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch und Martin Freeman. Holmes‘ schnelle Deduktionen kann man sich sehr gut mit Cumberbatchs schneller (Synchron-)Stimme vorstellen. Genau wie sein Fernsehpendant sind seine Kombinationen messerscharf und normalen Menschen (wie etwa John) deutlich überlegen. Auch Mycroft Holmes‘ Darstellung und seine Hassliebe zu seinem Bruder lassen einen sofort an Mark Gatiss‘ Darstellung denken. Die Konkurrenz zwischen den beiden Hochbegabten treibt auch die Handlung voran. Manch ein Dialog im Roman wirkt wie aus dem Fernsehen entsprungen: „Privatschulschnösel“, sagt John, worauf Sherlock antwortet: „Danke. Du wirst perfekt sein als mein proletarischer Geliebter.“

Baums Holmes ist ein moderner Meisterdetektiv, der moderne Technik zur Lösung seiner Fälle heranzieht. Seine Analysen sind punktgenau wie gewohnt: „Er hat ein Hemd mit abgestoßenem Kragen an und eine Jeans mit Kaffeefleck. Es ist ihm nicht wichtig, wie er aussieht, wenn er mit ihr unterwegs ist. Gerade eben hat er unter dem Tisch seiner Geliebten eine SMS geschrieben, wobei er sogar die Lippen gespitzt hat. Sie trägt Sandalen von Manolo Blahnik und benutzt ‚Coco Mademoiselle‘ von Chanel, beides könnte sie sich von ihrem Gehalt als Krankenschwester nie leisten. Dafür lacht sie über seine dürftigen Witze“, analysiert er Marys Kollegin Charlene, die mit ihrem Freund, einem Immobilienmakler, bei John und seiner Verlobten Mary zu Besuch war. Fans haben sicherlich sofort Benedict Cumberbatchs (Synchron-)Stimme im Kopf. Neben Mary und Mrs. Hudson haben auch Lestrade (hier mit dem Vornamen Guy) und Shinwell Johnson ihre Auftritte. Neu sind Pathologin Ethel Schafter (die an Molly Hooper erinnert) und die attraktive BBC-Reporterin Deborah Bellamy, deren Verhältnis zu dem Meisterdetektiv nicht ganz klar ist.

„Mycrofts Auftrag“ wirkt wie ein Roman zur BBC-Serie; das ist aber kein Manko. Die Charaktere sind gut getroffen und der Fall ist spannend. Gerne noch mehr davon. Als kleinen Anhang gibt es übrigens noch eine kurze selbstironische Analyse über die Autorin, die sie von ihrem Helden Sherlock höchstpersönlich durchführen lässt.

Beate Braun, Mycrofts Auftrag. Ein Sherlock-Holmes-Krimi, Oktober-Verlag, 194 Seiten, ISBN: 978-3-946938-35-4, 14,90 Euro

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