Sherlockian World = Men’s World?

dtshges

Wie ist sie denn nun, die korrekte Ansprache an die Sherlock-Holmes-Enthusiasten da draußen? Liebe Sherlockianerinnen und Sherlockianer? Liebe Sherlockianer*innen mit feschem Gender-Sternchen? Oder doch lieber geschlechtsneutral wie etwa: Liebe Sherlockisten? Oder gar die neueste – wie man vor Ort wohl sagen würde: grusige – Wortschöpfung aus Meiringen: Liebe Sherlocker? Bis vor Kurzem hielt ich es für vollkommen überflüssig, seine Zeit mit solchen vermeintlich unsinnigen Kleinigkeiten zu verschwenden. Schließlich sind wir hier bei den Sherlockianern und nicht bei den Suffragetten. Inzwischen verstehe ich jedoch, warum die Diskussion darüber viel wichtiger ist, als man(n) auf den ersten Blick glauben möchte.
Die Deutsche Sherlock-Holmes-Gesellschaft hat viele weibliche Mitglieder. Vier der sechs aktuell aktiven Stammtische (Dortmund, Stuttgart, Thüringen und Basel) werden von Frauen organisiert. Auch der Vorstand der DSHG besteht zu zwei Dritteln aus Frauen. Und doch ist die Welt der sherlockianischen Gesellschaften eine männliche. Wussten Sie, dass die wohl bekannteste Sherlock-Holmes-Gesellschaft, die 1934 in New York gegründeten Baker Street Irregulars, erst 1991 zum ersten Mal eine Frau in ihren Reihen aufgenommen hat? Und dabei handelte es sich um die Ehrenmitgliedschaft von Dame Jean Conan Doyle. Erst danach wurde jährlich – höchstens – eine Frau aufgenommen. Ich meine, ich habe nichts gegen Männerbünde. Studentenverbindungen, Freimaurer, Templer – das hat ja etwas Geheimnisvolles, wenn nicht jeder mitspielen darf. Alle, die draußen bleiben müssen, malen sich in den buntesten Farben aus, was hinter geschlossenen Türen passiert, obwohl es am Ende wahrscheinlich einfach nur langweilig ist. Sobald aber alle mitspielen dürfen, sollten auch alle gleichbehandelt werden.

In den USA schlossen sich in den 1960er Jahren die Adventuresses of Sherlock Holmes zusammen. Die Frauen drehten den Spieß einfach um und gründeten eine Gesellschaft, in der nur Frauen erlaubt waren. Sie haben noch nie von dieser Gesellschaft gehört? Tja. Es lag jedenfalls nicht daran, dass diese Gesellschaft aus weniger gebildeten Menschen bestand; aus Menschen, die geringere Ideale besaßen, geringere Ideen, Träume oder Talente – es waren Frauen und sie wurden nicht ernst genommen. Und wenn Sie jetzt denken „So ein Quatsch!“ dann sind Sie höchstwahrscheinlich ein Mann. Die Adventuresses wussten nur zu gut um ihren Stand in der sherlockianischen Welt und wählten daher Ovids Motto: Gutta cavat lapidem, non vi sed saepe cadendo. (Nicht durch die Kraft höhlet der Tropfen den Stein, sondern durch häufiges Fallen.)
Aber Arthur Conan Doyle war ja selbst nicht besser, denn der Sherlock-Holmes-Kanon ist ein überwiegend männliches Universum. Frauen tauchen höchstens auf, um den Tee zu bringen, um Holmes‘ um seine Hilfe zu bitten oder um idealisiert zu werden. Und das Frauenwahlrecht war Sir Arthur ohnehin ein Dorn im Auge.


Der eine oder andere mag kürzlich über verschiedene Beiträge im Internet gestolpert sein, in denen es um das ungebührliche Verhalten eines recht bekannten Mitglieds der BSI gegenüber jungen Frauen geht. Inzwischen dürften diese Beiträge zu verhärteten Fronten und gegenseitigen Anschuldigungen geführt haben. Warum? Die Männer bezeichnen es als Schmierenkampagne gegen einen aus ihren Reihen, die Frauen fühlen sich nicht ernstgenommen.
Um also zur Frage vom Anfang zurückzukommen: Das Beharren mancher Menschen, dass alle (auch in der sherlockianischen Welt) mit dem gleichen Respekt angesprochen werden, ist ihre kleine Rache an der Chauvi-4.0-Welt.
Wenn Sie immer noch zweifeln, kann ich Sie vielleicht mit ein paar Zahlen überzeugen.


Die aktuelle Ausgabe des Baker Street Chronicle, die Sie gerade in Ihren Händen halten, enthält 14 Artikel und gerade einmal drei der Autoren waren Frauen. Eine Ausnahme? Werfen wir einen Blick auf die vorherige Ausgabe: zwölf Artikel, die von sechs Autoren und zwei Autorinnen stammten. Diese Ausgabe hatte eine Beilage: elf Männer stellten ihre Sherlock-Holmes-Sammlungen vor und nur zwei Frauen. Gut, vielleicht ist der Baker Street Chronicle das falsche Publikationsmedium, also schauen wir beim Sherlock Holmes Magazin: In Ausgabe 39 wurde nur ein einziger Artikel von einer Frau geschrieben, ein weiterer hatte eine Co-Autorin – dem stehen neun Artikel von Männern gegenüber.
Blicken wir nach England. In der letzten Ausgabe des Sherlock Holmes Journals befanden sich neun Artikel, davon stammte kein einziger von einer Frau, bei einem gab es lediglich eine Co-Autorin. Vielleicht war diese Ausgabe ein Ausreißer? Betrachten wir also die Ausgabe davor. Tatsächlich, dort sind vier von zwölf Artikeln von Frauen – allerdings kein einziger Forschungsartikel. Zwei kurze Reviews zu Film und Theater, ein kurzer Reisebericht und ein Nachruf (hier als Co-Autorin dreier männlicher Autoren). Gerne können wir auch noch einen Blick auf die Sachbuchpublikationen (großer deutscher Verlage) der letzten Jahre werfen. Da finden wir Bücher wie Von Mr. Holmes zu Sherlock, Denken wie Sherlock, Drogenrausch und Deduktion, Mind Games, Spuren, Elfen und andere Erscheinungen, Spurensicherungen – all diese Bücher wurden von Männern geschrieben. Dem steht lediglich ein einziges Buch aus der Feder einer Frau gegenüber: Maria Fleischhacks Die Welt des Sherlock Holmes. Bücher und wissenschaftliche Arbeiten zur Serie SHERLOCK habe ich hierbei absichtlich nicht berücksichtigt, obwohl selbst die beiden offiziellen Bücher zur Serie (Casebook und Chronicles) ebenfalls von Männern geschrieben wurden, genauso wie die deutschen Booklets der DVD-Veröffentlichungen. Noch Fragen?

Ja! Warum ist das so? Wie gesagt, gibt es viele Frauen in der DSHG. Wir haben viele Leserinnen unter unseren Abonnenten. Trauen sich viele Frauen also nicht, einfach mal über ein Thema zu schreiben, das sie interessiert? Ich weiß es nicht. Letztlich geht es hierbei doch einfach um die Freude an unser aller Hobby und nicht darum, hochwissenschaftliche Abhandlungen zu verfassen. Warum auch? Schließlich konnte sich Arthur Conan Doyle nicht einmal merken, ob Watson nun an der Schulter oder am Bein verletzt worden war oder ob die Hauswirtin Mrs. Hudson oder Mrs. Turner hieß. Das ist aber nicht weiter verwunderlich, schließlich war er ein Mann. Für die Details sind die Frauen zuständig. Also liebe Frauen: Traut euch, denn wie Holmes bereits sagte:

„It is, of course, a trifle, but there is nothing so important as trifles.“

(Artikel ursprünglich erschienen in: Baker Street Chronicle, Ausgabe 33, 2019)

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