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Private Eye” lässt sich mit “Schnüffler”, “Privatdetektiv” übersetzen. Das “Pen-and-Paper”-Rollenspiel gleichen Namens kam erstmals 1988 auf. Damals war es noch ein Fanprodukt, welches aber so erfolgreich war, dass 1992 / 1993 zwei überarbeitete Editionen aufgelegt wurden. Das Regelwerk von 1993 kam noch recht schmucklos daher, in einem gelben Einband und mit scheinbar kopierten Seiten. Der Ursprungsverlag, B&B Productions, ging jedoch vor einigen Jahren in die “Redaktion Phantastik” über: Da sich 2008 das 20jährige Jubiläum von “Private Eye” näherte, wurde damals das Regelwerk komplett überarbeitet und neu aufgelegt.

Der professionelle Hardcoverband des 2008er-Regelwerks von “Private Eye”, der seinerzeit schon öfter besprochen wurde, hat nichts von seinem Reiz eingebüßt. Grund genug, ihn noch einmal einer Betrachtung zu unterziehen.

In einer Zeit, in der E-Book-Reader sich immer größerer Beliebtheit erfreuen, zeigt das “Regelwerk” von Private Eye, was ein E-Book nicht kann: Allein schon aufgrund seiner ästhetischen Schönheit dazu einzuladen, es in die Hand zu nehmen, um es, neugierig geworden, zu öffnen. Manfred Escher, bekannt durch seine “Cthulhu”-Designs, hat das großformatige Buch in liebevoller Weise mit einem sehr ansprechenden Cover geziert. Es sieht nach einem “alten Buch” aus, dass einen eindeutigen “Sherlock Holmes”-Bezug aufweist.

Wenn man das Regelwerk öffnet, fühlt man sich (bei entsprechendem Alter) unversehens an das 80iger-Jahre Spiel “Sherlock Holmes Criminal Cabinet” des Franckh-Kosmos-Verlags erinnert. Noch mehr jedoch als damals begegnet man, beim ersten Durchblättern, nostalgischen Reklamen, zeitgenössischen Zeichnungen, Abbildungen von Waffen, und auf jeder Seite einer dezent angedeutete Gaslaterne, wenn sie auch bisweilen die Lesbarkeit einzelner Textstellen erschwert. Über jeder Seite angebracht ist eine Art “Skyline” von London und ein Schattenriss des größten Detektivs aller Zeiten, mit seiner ihm, durch Sidney Paget zugedachten, Deerstalker-Mütze.

Nach einem informativen Vorwort wird man in die Welt von “Private Eye” entlassen: “Nebel steigt von der Themse auf und hüllt die Straßen in seinen geheimnisvollen Dunst. Zeit für viele, die es mit dem Gesetz nicht so genau nehmen – also auch Zeit für ihre Detektive: Ihr Einsatz!”

“Private Eye” setzt vor Allem auf Echtheit.

Auf nur 28 Seiten werden die Regeln von “Private Eye” erklärt. Zunächst geht es an das Erschaffen eines (eigenen) Charakters. Man kann nicht nur Detektiv sein, sondern auch z.B. Journalist, Kriminologe, Gerichtsmediziner, Coroner oder Polizist – wobei es dem Holmes-Fan gefällt, dass hier Lestrade als Beispiel für einen typischen Polizisten herangezogen wird. Wer sich auf eine Rolle festlegt, sollte dabei daran denken, dass er sie ggf. über viele kommende Spiele beibehalten wird. Neben Grundeigenschaften, die erwürfelt werden, werden auch die Lebenspunkte und die Kampffertigkeiten festgelegt, wobei Letztere nur selten gebraucht werden, schließlich befinden wir uns in London und nicht in Adventurien. Die Redaktion von “Private Eye” empfiehlt, neben diesen Werten, die auf einem Charakterblatt eingetragen werden, eine ganze Biografie für die eigene Person zu entwickeln.

Obwohl man sich, nach dem Erarbeiten der Regeln, ins Abenteuer stürzen könnte, werden den Spielern – und insbesondere dem Spielleiter – eine Fülle an ungemein gut recherchiertem Hintergrundwissen mit an die Hand gegeben. Mithilfe dieses Hauptteils kann man so tief in das London der viktorianischen Ära eintauchen, wie man es nie im Geschichtsunterricht getan hat. Wer wüsste schon, was damals “übliche Hotelpreise” waren, das es keine “Beamtenbeleidigung” gab, wie die Stellung der Frau war, wie man sich im London des ausgehenden 19 Jhd. zu benehmen hatte, das man i.d.R. an Tetanus starb oder welche Sportarten bevorzugt wurden? Dies und mehr wird ausführlich und sehr kurzweilig, immer im Hinblick auf anstehende Abenteuer, dargelegt.
Was dann folgt, ist das Stadtlexikon. Neben der “Bank von England” findet sich hier auch “Belgravia”, die “Häfen und Werften”, das “East End” sowie “West End” und viele weitere Orte, die während der Fälle aufgesucht werden könnten. Dem Alphabet nach werden diese Örtlichkeiten genau beschrieben, so dass sie realistischer im Spiel verwendet werden können.

Ein eigenes Kapitel bekommt auch die Kriminalität. Wie es Sherlock Holmes so oft bemängelte, liefen die Polizisten damals oft wie eine “Horde Pferde” über den Tatort und verwischten damit wichtige Spuren. Ob man selbst zu einem der modernen Detektive gehört und den Tatort mit aller gebotenen Obacht untersucht oder ob man zu der “Horde Pferde” gehört, darüber wird vielleicht das Charakterblatt oder die eigene Biografie Auskunft erteilen. Wie sehr die moderne Verbrechensbekämpfung damals noch in den Kinderschuhen steckte, mag erschreckend sein, war aber Realität. So erfährt man u.a. aus diesem Kapitel, dass viele Richter damals nur gerüchteweise von der Methode des “Fingerabdrucksystems” gehört haben. Glücklicherweise gab es damals aber erste “Neuerungen”, etwa eingeführt durch Vidocq, Bertillon oder Sir Edward Henry. Der Leser erfährt vieles über “Gifte”, “Blutspurenkunde”, “Staubuntersuchung”, bis hin zur “forensischen Ballistik”. Es würde zu weit reichen, alle Themen dieses wichtigen und sehr informativen Kapitels zu nennen. Jeder Sherlock Holmes-Anhänger wird Spaß haben, darin zu schmökern!
Schließlich folgt das erste Abenteuer: “Familienglück”, von Martin Linder, ein gelungenes “Einführungs-Abenteuer”, dass einem mit vielen Spieler-Tipps zur Seite steht.

Lose mit dabei findet sich ein gefalteter Nachdruck von “Bacon´s new map of London”.
Das Regelwerk von “Private Eye” ist ästhetisch ansprechend, mehr als informativ und sogar für Anfänger umsetzbar. Wer sich Charakterblätter ausdrucken will, kann diese übrigens von der Website der Redaktion Phantastik herunterladen: http://www.phantastik-kalender.de/page/RPdownloads.html

Last but not least sei jedoch festgestellt, dass es nicht allein das Beherrschen der Regeln und das Wissen über die viktorianische Ära ist, die eine Spielrunde mit Leben füllt, sondern die Fantasie aller Mitspieler. Wer sich wirklich vorstellen kann, dass er gerade in den alten Pub, “The Kings Head” geht, vor seinem geistigen Auge die dunkel getäfelte Theke sieht, und wirklich überrascht sein kann, wenn er einen Blick auf jene Botschaft erhascht, die er in seiner Jackentasche findet… ist klar im Vorteil. Ein guter Spielleiter vermag zudem eine dichtere Stimmung zu erzeugen. So, wie ein E-Book nie ein ästhetisch ansprechendes, echtes Buch ersetzen kann, wird auch kein PC-Spiel je ersetzen können, was zwischen fantasievollen “Zeitreisenden” geschieht, wenn sie gemeinsam ins 19. Jahrhundert “reisen”, um dort dem Verbrechen die Stirn zu bieten!

eine Rezension von Matthias Wieprecht
weiterführender Link: http://www.phantastik-kalender.de/

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