Nicole Glücklich

„Ein Drei-Tassen-Problem“ und „Mord im Afrika-Klub“ von Stefan Winges

Mit „Der Sherlock Holmes von Köln“ werden die gerade erst im emons-Verlag erschienenen kleinen, etwa 160 Seiten starken Büchlein mit den Geschichten von Stefan Winges beworben – und es kann keinen Zweifel daran geben, dass der Leser in dem Kölner Kriminalisten Marius van Larken in der Tat ein Alter Ego des größten Detektivs aller Zeiten erkennen wird. Doch nicht nur Sherlock Holmes sondern auch sein Gefährte Dr. Watson, die gute Mrs. Hudson und sogar Inspektor Lestrade finden sich in der Brabanter Straße 21B in Person von Dr. Leo Möring, der resoluten Frau Becker und Kommissar Strammel wieder. Wer nun aber glaubt, Stefan Winges hätte dem Detektiv aus der Baker Street einfach nur einen anderen Namen gegeben und ihn nach Köln umgesiedelt, der irrt. Marius van Larken ist ein ganz eigenständiger, wunderbar verschrobener Charakter, was deutlich wird, wenn er sagt, dass er sich zwar vorstellen könne, mit einem Protestanten zusammenzuwohnen, gewiss jedoch nicht mit einem Teetrinker. Natürlich teilt er viele von Holmes’ Eigenarten wie etwa die chemischen Experimente zu allen Tages- und Nachtzeiten, die Liebe zur Musik oder einen gewissen Hang zu Drogen, doch arten diese Charakterzüge in ungeahnte Richtungen aus. So kocht er mitten in der Nacht auf seinem Bunsenbrenner Mokka oder tanzt Walzer in Damenschuhen – natürlich nur, um später eine Monografie über die Abnutzung von Schuhsohlen zu verfassen!

2008 wurde „Ein Drei-Tassen-Problem“ bereits vom WDR als Hörspiel umgesetzt. Die Rolle des Marius van Larken, der in dieser Fassung bedauerlicherweise von den Verantwortlichen in „Sonnfried Kaps“ umbenannt wurde, ist mit Christoph Maria Herbst grandios besetzt. Leider handelt es sich bei dem Hörspiel um eine reine Radioproduktion, die nie auf CD erschien.

Stefan Winges ist für die Pastiche-Fans unter den Sherlockianern kein Unbekannter. Er schrieb bereits mehrere Sherlock-Holmes-Geschichten. Seine bekannteste dürfte „Der vierte König“ sein, die eindeutig zu den besseren deutschen Pastiches zählt und Sherlock Holmes bei seinen Ermittlungen nach Köln führt. Mit seiner Entscheidung jedoch, das „Drei-Tassen-Problem“ und den „Mord im Afrika-Klub“ nicht von Holmes sondern von van Larken lösen zu lassen, nimmt Winges den Druck von den Geschichten, irgendeinem Kanon oder einer Chronologie gerecht zu werden, und verleiht ihnen damit eine Leichtigkeit, wie es Pastiche-Autoren nur äußerst selten gelingt. Die wohldosierte pointierte Boshaftigkeit in den Details und die überspitzte, jedoch keineswegs respektlose Darstellung der Charaktere zeigt, dass der Autor sich intensiv mit dem Holmes-Kanon auseinandergesetzt hat, auch wenn er selbst sagt, dass er heute nur noch selten zu den Originalgeschichten greift. Außerdem besitzen die Erzählungen genau die richtige Portion Lokalkolorit, um nicht an einem x-beliebigen Ort auf der Welt zu spielen, gleichzeitig weisen sie aber auch nicht soviel lokalen Bezug auf, um sich in Beschreibungen zu verlieren oder für Nicht-Kölner unverständlich zu sein.

Fazit: Für Sherlock-Holmes-Fans sind die beiden Geschichten ein absolutes Muss! Aber auch Krimi-Freunde, die bisher noch nicht unbedingt mit dem Meisterdetektiv in Berührung kamen, werden an den Abenteuern von Marius van Larken und seinen mitunter skurrilen Einfällen ihre Freude haben.

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