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Eine historische Buchbesprechung von 1978:

Worauf Michael Schulte, der Herausgeber von neun Sherlock-Holmes-Geschichten, bei der Vorführung der berühmten Detektivfigur Wert legt, ist vor allem die Darstellung jener zweifelhaften Gehirnakrobatik des Helden, die aus dem Klang des Spazierstocks auf dem Pflaster, einigen Sandkrümeln an den Hosenknien eines Pfandhausgehilfen und der Nähe einer Bank sogleich messerscharf schließt, dass hier über einen unterirdischen Gang ein Bankraub vorbereitet wird. Prinzip und Logik solcher Deduktionen sind immer die gleichen, und so stellt sich bei der Lektüre für jemand, der kein ausgesprochener Holmes-Fan ist, recht bald eine gepflegte Langeweile ein, die eher der Entzauberung als der weiteren Heroisierung des Superdetektivs dienen.

Just das freilich scheint Schulte, unter dem Vorwand der Heldenverehrung, beabsichtigt zu haben. „Das große Sherlock Holmes Buch“ besteht nur zur Hälfte aus Texten von Conan Doyle – und mit der anderen Hälfte setzt es dem Image seines Helden ganz schön zu. Vielleicht, dass Dietmar Griesers Aufsatz über die Suche nach den „Vertrauten Räumen“ der Baker Street 221 B im heutigen London sowie einige der älteren Sherlock-Holmes-Parodien noch zum höheren Ruhm der Doyleschen Erfindung beitragen. Doch schon Peter Paul Zahls „Korrektur eines historischen Justizirrtums“, in dem Holmes und sein Watson im Paradies auf einige Fakten stoßen, die den biblischen Bericht über den ersten Mord der Menschheitsgeschichte als fragwürdig erscheinen lassen, und H. C. Artmanns Dialog „punchby in a box oder wie geht es ihnen, mein herr?“ zeichnen das Bild des Urvaters aller Detektive auf eine Weise, die ihn zwischen trottelhaft und autoritär einordnet.

Die Mine allerdings, die das positive Sherlock-Holmes-Image am gründlichsten demoliert, zündet Schulte ganz am Ende des Buches, knapp vor dem Finale aus Conan Doyles Feder, das „Sherlock Holmes‘ Untergang“ beschreibt (der später rückgängig gemacht wird). Unter der harmlosen Überschrift „Namen als Symbol“ dekouvriert Richard Gerber Sherlock Holmes als einen besonders infamen Vertreter der Reaktion: ein „unbarmherziger, unmenschlicher Schuft“, dessen „oberstes Prinzip“ nicht das Eintreten für Gerechtigkeit ist, sondern „fragloser Vollzug der Justiz“, ein Prinzip, das sich besonders extrem in einer Aussage von Holmes gegenüber Watson artikuliert: „Hätte man meine Methode gekannt, so wären ungezählte Leute, die frei ausgingen, gehängt worden.“

Natürlich meint dieses Zitat, dass „Schuldige“ ihrer „gerechten“ Strafe zugeführt worden wären. Aber es steht gleichwohl für eine Auffassung, die nicht nach den Gründen für ein Verbrechen fragt, sondern erbarmungslos abstraft nach dem Auge-um-Auge-Prinzip.

JOCHEN SCHMIDT für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.01.1978

Michael Schulte (Herausgeber): „Das große Sherlock Holmes Buch“.
Piper Verlag, München 1977. 376 S., geb.,29,80 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main


Das Buch genießt heute, 38 Jahre nach der Veröffentlichung, einen Sammlerwert.

Einige Geschichten und Pastiches wurden nur in dieser Ausgabe veröffentlicht…

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