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Mit seinem dritten Sherlock Holmes-Roman schließt Wolfgang Schüler nahtlos an den zweiten Band „Sherlock Holmes in Berlin“ an und beginnt bereits auf den ersten Seiten mit einer spannenden Szene, in der die beiden Detektive auf Colonel Sebastian Moran treffen. Auffallend ist erneut das enorme Hintergrundwissen, das der Autor in seine Geschichte hat mit einfließen lassen, und man merkt dem Roman auf jeder Seite von Neuem den Aufwand an, den Wolfgang Schüler die Recherche gekostet hat. In seinen Beschreibungen und seinem Bestreben, dem Leser die damalige Zeit nahezubringen, verliert er sich nahezu in den Erklärungen, die zu regelrechten Geschichtsstunden ausarten. Meistens kriegt er rechtzeitig die Kurve, doch leider nicht immer, wie ein Beispiel auf Seite 126 zeigen soll. Dort ersuchen Holmes und Watson nach Polizeiunterstützung, die ihnen allerdings verwehrt wird. Als Erklärung beginnt der geheime Polizeirat mit einer Vorlesung in Landeskunde, die ihr vorläufiges Ende drei Seiten später erfährt. Warum die Einführung des Amtes eines Bezirkspolizeikommissars allerdings schon 16 Jahre auf sich warten lässt, wird aus dem Kontext leider nicht ersichtlich. Der Autor erwähnt lediglich eine Polizeikonferenz von 1887, sowie einen Erlass aus dem Jahr 1899. Die vorliegende Erzählung spielt aber im Jahr 1913!

Dem geneigten Leser und Sherlockianer fallen auch einige Unstimmigkeiten in Bezug auf den Kanon von Sir Arthur Conan Doyle auf. Als Holmes und Watson auf Colonel Moran treffen behauptet der Detektiv, dass er ihn zuletzt vor 9 Jahren gesehen habe, als er ihm das Handwerk legte. Die vorliegende Geschichte spielt jedoch Ende 1913. Da sich der Autor in einer Fußnote auf die Original-Erzählung „Das leere Haus“ beruft, kann diese Angabe nicht stimmen, denn Holmes machte Moran direkt nach seiner Rückkehr im Jahr 1894 dingfest, also insgesamt vor 19 Jahren! Der Fauxpas ist nur so zu erklären, da „Das leere Haus“ im Jahr 1903 im Strand Magazine veröffentlicht wurde. Auch Schülers Affinität zum Charakter von John H. Watson, die im Übrigen sehr zu begrüßen ist, trägt bisweilen seltsame Blüten. So neigt Watson dazu auf eine für ihn recht untypische Weise abzuschweifen. Besonders einschneidend passiert dies auf Seite 65. Dort berichtet der ehemalige Militär-Arzt knapp drei Seiten lang, dass er Anfang des Jahres 1884 nach Amerika auswanderte, um in San Francisco eine Arztpraxis zu gründen. Dort lernte er eine Frau namens Constance Adams kennen und lieben. Er heiratete sie dann in London, da ihr Vater gegen die Verbindung war. Allerdings starb Constance unvermittelt im Dezember 1887. Ein Schlag von dem sich Watson bis heute angeblich nicht erholte. Auch diese dichterische Freiheit ist im direkten Bezug zum Original-Kanon wenig glaubhaft, denn laut Doyle lernten sich Holmes und Watson 1881 kennen und der gute Doktor erwähnt mit keiner Silbe einen längeren Aufenthalt in San Francisco. In seiner Jugend streifte er zwar „durch drei Kontinente“, wo er „Erfahrungen mit Frauen der verschiedensten Nationen sammelte“, weiß das „Sherlock Holmes Handbuch“ von Zeus Weinstein zu berichten, aber nirgends ist von einer Heirat die Rede. Schon gar nicht von einer, die Watson seinen eigenen Aussagen in Schülers Roman nach, derart mitgenommen hat, dass er sogar mit Hilfe spiritistischer Sitzungen Kontakt mit der Verstorbenen aufzunehmen gedachte. Außerdem lernt er in der Erzählung „Das Zeichen der Vier“ bereits Mary Morstan kennen, in die er sich verliebte und die er bald darauf heiratete. Die Geschichte spielt im Jahr 1887. Im selben Jahr aber soll erst jene oben erwähnte Constance Adams verstorben sein. Ist das glaubhaft? Anhand der vielen Fußnoten und Vermerke zu vielen Original-Erzählungen von Arthur Conan Doyle darf angenommen werden, dass der Autor sich eng an den Kanon halten will, was ihm indes leider nur unzureichend gelungen ist. Dafür ist die Charakterisierung der beiden Protagonisten vortrefflich geraten. Sämtliche Aktionen und Reaktionen, ja sogar die Diktion von Holmes und Watson, sind absolut glaubhaft und stehen Doyles Vorgaben in Nichts nach. Nur leider kommt in dem Schriftsteller immer wieder der Historiker zum Vorschein, der so viel detailliertes Wissen wie möglich mit einfließen lassen will. Tatsächlich kann man über den Unterhaltungswert des Romans hinaus, den er trotz allem besitzt, eine Menge mitnehmen. So hat Watson auch einige brauchbare Ratschläge aus seiner Zeit als Soldat und Militär-Arzt parat. Auch der Plot ist sehr originell, glaubwürdig und schlüssig. Nur wird er am Ende leider nur unzureichend aufgelöst und abgeschlossen, so dass der Leser in der Luft hängen gelassen wird. Tatsächlich endet die Geschichte derart abrupt, dass man unweigerlich nachschaut, ob nicht ein paar Seiten fehlen. Es wird sogar der Eindruck erweckt, dass die Geschichte noch eine Fortsetzung erlebt, worauf es aber keine Hinweise gibt. In meinen Augen ist eine Fortsetzung der Geschehnisse sogar zwingend notwendig und wünschenswert, denn trotz aller Unstimmigkeiten und Detailverliebtheit macht die Lektüre enorm viel Spaß.

Auch dieser Holmes-Roman aus der Feder von Wolfgang Schüler wurde mit einem historischen Stadtbild geschmückt. Sehr stimmungsvoll und zeitgenössisch. Das Taschenbuch liegt hervorragend in der Hand und ist von guter Qualität.

Holmes und Watson auf der Jagd nach Moriartys Erben! Spannend und einfallsreich, nur leider verliert sich der Autor häufig in langatmigen historischen Belehrungen. Auch passen einige Anmerkungen zu Watsons Biografie und einzelnen Fällen nicht zum Original-Kanon von Sir Arthur Conan Doyle. In der Charakterisierung der Protagonisten zeigt sich der Autor jedoch äußerst sattelfest.

Mit freundlicher Unterstützung von LITERRA

Wolfgang Schüler
Sherlock Holmes in Dresden
KBV Verlag
ISBN: 9783942446846

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