The Devil’s Daughter

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Ein Gastbeitrag von Wilhelm T. Drutzel

Plattform: Playstation 4 (Version für PC und Xbox One erhältlich)
Entwickler: Frogwares Ukraine
Veröffentlicht durch: BigBen Interactive

Zum zweiten Mal beschert das ukrainische Studio Frogwares den Spielkonsolen der achten Generation ein Abenteuer des Meisterdetektivs: mit „Sherlock Holmes: The Devil’s Daughter“ knüpft an die Vorgänger „Das Testament des Sherlock Holmes“ sowie „Sherlock Holmes: Crimes and Punishments“ an und liefert fünf neue Fälle nach 221B Baker Street in Form eines Adventure-Games mit Mystery-Elementen. Doch was sich vielversprechend anhört, entpuppt sich für den Spieler als eine holprige Angelegenheit mit einem größeren Kampf gegen die Steuerung als gegen die Londoner Verbrechenswelt.

Dabei fängt alles beschaulich an: Holmes wird von Langeweile geplagt und ist, wie sein Freund und  Gehilfe Dr. Watson passend anmerkt, deswegen unausstehlich. Bald schon ist es mit der Unterforderung seines Genies vorbei, denn zum einen bezieht die aus der Karibik stammende Mrs. Alice De Bouvier die Nachbarwohnung, zum anderen ist auch noch Katelyn, seine nach den Geschehnissen in „Das Testament“ adoptierte Tochter, zu Besuch, welche seine Nerven strapaziert. Und Kundschaft bleibt auch nicht aus, denn in London kommt es weiterhin zu mysteriösen Mordfällen, um deren Aufklärung Scotland Yard so dringlichste bittet.

Im ersten Fall, „Jagdgründe“, bietet Holmes einem kleinen Jungen aus Whitechapel seine Hilfe an, dessen seit drei Wochen spurlos verschwundenen Vater wieder ausfindig zu machen. Die Spur führt zu Lord Marsh, einem tuberkulosekranken Philanthropen, und dessen Jagdverein. Bald schon findet sich Holmes auf der Jagd – gehetzt, verwundet und im Visier mörderischer Jägersmänner …

Nach so viel Aufregung sucht Holmes die Zerstreuung und tritt zum Finale eines sommerlichen Bowl-Turniers im Quartermain Club an. Am Tag der Siegerehrung liegt jedoch eine Leiche auf dem Rasen, erstochen vom Speer einer Maya-Statue, die sich dann auch noch selbständig gemacht zu haben scheint. „Studie in Grün“ ist kein einfacher Fall für Holmes, zumal der Quartermain Club nicht nur Kostbarkeiten, sondern auch Feinde aus aller Welt mit nach Hause gebracht hat.

Holmes ist plötzlich vielbeschäftigt und kann Kate nicht die Aufmerksamkeit bieten, die sie gerne hätte. Obendrein ist Mrs. De Bouvier eine Dame mit vielen dunklen Geheimnissen, welche ihrerseits viel zu viel Zeit mit Sherlocks Tochter verbringt. Damit nicht genug: Ordon Wilde, ein amerikanischer Schauspieler, ist ein solch großer Bewunderer des Detektivs, dass er diesen imitiert und sogar in die 221B Baker Street einzieht. Mit ihm kommt noch mehr Ärger ins Haus, in Form einer durchs Fenster geworfenen Bombe. In „Schein oder Sein“ will Holmes auf den Grund gehen, wer ihm da so sehr nach dem Leben trachtet. Ein verheerender Unfall, bei dem acht Kutschen und über ein Dutzend Personen bei mehreren Todesfällen involviert sind, leitet den vierten Fall „Kettenreaktion“ ein. Schwer genug, den genauen Unfallvorgang zu rekonstruieren, es scheint auch so, als hätte man diesen absichtlich herbeigeführt. Holmes und Watson haben sowohl als Ersthelfer wie auch als Ermittler alle Hände voll zu tun, dieses schaurige Geflecht zu entwirren.

„Fieberträume“ schließlich vollendet den Handlungsbogen, bei der Holmes von seiner Vergangenheit eingeholt wird und es um mehr geht als einen gekränkten Stolz …

Zugegeben, dem Holmes-Fan setzt „The Devil’s Daughter“ schon einige Kröten zum Schlucken vor,  die richtigen Unken bekommt aber der Gamer ab. Dabei gibt es so vielversprechende Ansätze: nicht nur, dass man das viktorianische London an mit viel Liebe zum Detail gestalteten Schauplätzen besucht, auch die Story weiß weitestgehend zu gefallen. An Selbstironie und einer Prise Humor mangelte es jedenfalls nicht, so verkleidet sich Holmes etwa als Seelsorger und treibt mithilfe des Straßenjungen Wiggins einer alten Dame den Dämon aus der Stube, um sich dann ungestört den Nachforschungen zu widmen. Eine zünftige Kneipenschlägerei darf ebenso wenig fehlen, und der getreue Bluthund Toby erschnüffelt für sein gestresstes Herrchen eine Verbrecherfährte.  

An Abwechslung mangelt es jedenfalls nicht, denn die Zeiten, in denen man bloß auf den Bildschirm starren und Gegenstände anklicken muss, um den Fall zu lösen, sind vorbei. Holmes und Watson (und in einer Sequenz auch Wiggins) müssen klettern, schleichen, schießen und rennen, zusätzlich zur Detektivarbeit, welche sich erstaunlich umfangreich gestaltet. Mit Holmes‘ Beobachtungsgabe kann man kleinste Details an den Gesprächspartnern erkennen und sie in der Konversation gegen sie verwenden, um an mehr Informationen heran zu kommen. Gegenstände, Symbole und Texte können mittels umfangreichen Archivs besser gedeutet oder mittels Analysetisch auch chemisch untersucht werden. Der Sinn für die kleinen Details ist auch auf der Straße des lebendig, nie aber überfüllt wirkenden Londons nützlich, obendrein kann Holmes Tathergänge visuell darstellen und seine Rückschlüsse ziehen. Und je nach Bedarf möchten Leichen obduziert, Schlösser geknackt und fast schon klassische Rätsel gelöst werden.

Ziel der Fälle ist es, genügend Fakten zu sammeln, um am Ende die Schuld zu ermitteln. Keineswegs gibt es vorgegebene Schlussfolgerungen, so ist es möglich, je nachdem wie geschickt man sich bei der Ermittlung angestellt hat, zu einem ganz anderen Motiv zu kommen, mitunter kann dann sogar ein Unschuldiger ins Gefängnis kommen.

 Der größte Gegner ist dabei die hakelige Steuerung, auf den Konsolen ist man auf das Gamepad angewiesen und hat hierbei damit zu kämpfen, dass die Steuerung sich ständig ändert und vieles einfach zu spät oder gar nicht erklärt. Obendrein wurde auch noch geschlampt, so kann es passieren dass man beim als simples Rhythmusspiel getarntem Schmieden eines Dolches Holmes‘ Notizen öffnet – weil die Eingabe beim Minispiel sowie das Aufrufen der Notizreiter auf die gleiche Taste gelegt wurden. Den einen oder anderen Neustart eines Kontrollpunkts muss man in Kauf nehmen, weil einem das Spiel in manchen Szenen, wo schnelle Reaktion gefragt ist, nicht erklärt, was man eigentlich machen soll. Im krassen Gegensatz dazu ist der Hinweis, welchen Knopf man zum Überspringen des Rätsels drücken muss, nahezu permanent oben rechts eingeblendet.

Die Actionsequenzen sind durch die Steuerung mehr nervig als unterhaltsam, wobei „The Devil’s Daughter“ mal gerne die Uncharted-Reihe kopieren möchte, andererseits aber noch mit der Technik von vor zehn Jahren auf den Spieler los geht. Hat man jedoch alle Zeit der Welt, etwa beim Untersuchungen von Beweisstücken, fällt das nicht mehr so stark ins Gewicht.

 Old School ist das Adventure vor allem in einem Punkt: den Ladezeiten. Es vergeht bis zu einer halben Minute, ehe der neue Schauplatz lädt, mit der Gefahr, dass das Spiel auf der Playstation 4 abstürzt (so gleich drei Mal geschehen beim Testspielen). Immerhin sieht man dabei Holmes in der Kutsche sitzen und man hat die Möglichkeit, bisher gesammelte Informationen aufzurufen, was deutlich besser ist wie das Betrachten eines Ladebalkens. Abgesehen von der Hintergrundgrafik und der Animation der Figuren hält das Spiel auch sonst nicht immer die Qualität oben: kann man von Holmes‘ Wohnung aus dem Treiben auf der Straße angenehm lauschen, so sind Kutschfahrten oder Wasserrauschen extrem laut – Folgen eines schlechten Abmischens.

Die Rätsel selber werden gut erklärt und sind nicht all zu schwer, keines davon wiederholt sich so oft, dass es langweilig wird. Generell ist die Breite an unterschiedlichen geistigen Herausforderungen positiv hervor zu heben, man war auch sichtlich bemüht, die Rätsel in die Handlung einzubauen statt sie bloß auf den Bildschirm auftauchen zu lassen. 

Es ist schade, dass „The Devil’s Daughter“ so von den technischen Mängeln hinuntergezogen wird, denn immer wieder sah man das Potential aufblitzen. Das Bowlturnier etwa mit den vielen Kleinigkeiten und der entspannten, authentischen Musik dazu, oder Holmes als Verkleidungskünstler. Aus dieser Atmosphäre wird man durch Nachlässigkeiten gerissen, etwa wenn eine schlecht animierte Mrs. De Bouvier plötzlich schielt oder Holmes einen Ganoven mit Nichts in der Hand schlägt, weil vergessen wurde, den Stuhl korrekt zu animieren.

Bleibt die Frage für den Holmes-Fan: wie viel Sherlock steckt im Spiel? Zumindest optisch kann man ihn ein wenig nach seinen Wünschen anpassen, ein Griff in den Verkleidungsschrank und ein Moment am Schminktisch kann man den frappierend an den Schauspieler Jon Hamm erinnernden Holmes nach seinen Wünschen ummodellieren – inklusive Deerstalker als Kopfbedeckung. Es werden mehr Bezüge auf die beiden vorherigen Spiele gemacht wie auf die klassischen Holmes-Romane und Kurzgeschichten, was für PS4-Besitzer insofern ärgerlich ist, da „Das Testament des Sherlock Holmes“ nur auf der PS3 erschien. „Studie in Grün“ Kupfer sogar selbst für den Laien erkennbar bei „Das Zeichen der Vier“ schamlos ab, bis hin zum Punkt, dass die Handlung eins zu eins übernommen wurde. Bekannte Gesichter aus der zweiten Reihe findet man ebenfalls: Inspektor Lestrade beispielsweise oder Mrs. Hudson, Holmes‘ Vermieterin.

Was bleibt, ist ein Holmes-Adventure mit Stärken und Schwächen, wobei man Frogwares zwar für das Einschlagen neuer Wege loben, für die technische Umsetzung selbiger jedoch tadeln muss.  Von der besten Seite zeigt sich „The Devil’s Daughter“, wenn man einfach nur durch die Gassen von London geht oder sich an der opulenten Innenausstattung der Räume erfreut. Von der schlimmsten Seite zeigt es sich aber, wenn es als das funktionieren soll, was es ist: ein Spiel. Wer darüber hinweg sehen kann, auch wenn es schwierig ist, bekommt ein Adventure von zehn bis fünfzehn Stunden Dauer, welches keineswegs die korrekten Lösungen vorgibt und Versagen als Option bereit hält, und zwischen den Frustmomenten auch ein Lächeln beim Holmes-Fan hervorzaubert.

 

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